
Von ANDREAS BERNHARD
Felsberg. Alles fing eigentlich ganz harmlos an. „Ich habe mich beim Fußball verletzt und mein Bein ist dick geworden“, erzählt Meik Seidl. Erst als sich kurz darauf überall auf seinem Körper rote Blutflecken bildeten, wusste der damals 16-Jährige aus Gensungen: „Da stimmt was nicht.“
Die erschütternde Diagnose im Kasseler Klinikum: Aplastische Anämie. Ein Knochenmarksversagen, dass die Zahl der Blutkörperchen dramatisch verringert. Eine äußerst seltene und lebensgefährdende Krankheit.
Es war der Moment, indem sich das Leben von Meik Seidl von Grund auf veränderte. Monate war er im Krankenhaus, bekam immer wieder Bluttransfusionen. Es folgten Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems. Medizinisch notwendig, aber gleichzeitig gefährlich, weil jede Ansteckung ohne Abwehrkräfte katastrophale Folgen hätte. „Ich musste selbst im Krankenhaus mit Mundschutz herumlaufen“, erzählt Meik Seidl, der zu diesem Zeitpunkt gerade dabei war seinen Hauptschulabschluss zu machen.
Auch Dr. Dieter Vaupel, Rektor der Drei-Burgen-Schule, erinnert sich an die Zeit: „Wir haben alles getan, damit er wenigstens den Abschluss machen konnte.“ Danach war er jedoch zunächst arbeitsunfähig. Doch im Laufe der Zeit schlug die Therapie an. Meik Seidl ging es langsam wieder besser. „Eigentlich wollte ich eine Lehre als Kfz-Mechaniker machen“, erzählt er. Doch seine Bewerbungen blieben erfolglos.
Zu groß war die Skepsis der Arbeitgeber gegenüber einem Jungen, mit so einer Krankengeschichte. „Das erleben wir leider immer wieder“, sagt Dr. Michaela Nathrath, die Direktorin der Kinderkrebsstation im Kasseler Klinikum, „die Berührungsängste sind riesig“. Deshalb, so betont sie, müsse auch in Nordhessen ein Netzwerk aufgebaut werden, das in solchen Fällen hilft.
Im Fall von Meik Seidl half der Freundeskreis sozial engagierter Unternehmer aus Lohfelden. In ihm haben sich mehr als 100 Persönlichkeiten aus der Wirtschaft zusammengetan. Vorsitzender ist Heinz Hibbeln, der ein Fotofachlabor betreibt.
„Schnell war klar, wir wollen ihm helfen“, sagt er. „Doch wir wollten ihn nicht aus seinem Umfeld in Gensungen reißen.“ Deshalb wurde eine Lehrstelle im Umkreis von Gensungen gesucht. Hilfreich waren dabei die Kontakte zur Holzhauer-Stiftung für krebskranke Kinder in Melsungen. Deren Vorsitzender, Peter Vaupel, ist der Bruder von Dr. Dieter Vaupel, dem früheren Rektor von Meik Seidl. Der Kreis war geschlossen.
„Er war immer ein absolut toller Kerl“, bescheinigt der Schulleiter seinem ehemaligen Schützling noch heute. Also setzte er sich wieder für ihn ein. Mit Erfolg: Heute hat der inzwischen 19-Jährige eine Ausbildungstelle in der Felsberger Jugendwerkstatt. Seine Ausbildungsleiterin Regina Suchy ist voll des Lobes. „Er ist sehr motiviert“, berichtet sie. Dass er manchmal zu Nachuntersuchungen ins Krankenhaus muss, stört nicht weiter. „Das kann er aufholen“, so Suchy.
Auch bei Meik Seidl ist der Optimismus zurück gekehrt. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt er heute über sich, und fügt lachend an: „Irgendwann werde ich meiner Meisterin Konkurrenz machen“